Abschluss Private Krankenversicherung - das müssen Sie beachten

16. August 2020

Produktauswahl und Neuabschluss

Grundsätzliches
Wer sich privat krankenversichern will, sollte sich vor Abschluss umfassend informieren und die Tarifangebote für eine Krankenvollversicherung am Markt gründlich vergleichen. Grundsätzlich findet man am Markt 3 Tarifformen für die Private Krankenvollversicherung vor:

  1. Ein Tarif beinhaltet ambulante, stationäre und Zahnleistungen (Kompakttarife)
  2. Ein Tarif beinhaltet ambulante und stationäre Leistungen, unterschiedliche Zahntarife können als Baustein hinzuversichert werden
  3. Es gibt jeweils separate Bausteine (Module) für Ambulante, Stationäre und Zahnleistungen, die individuell kombiniert werden können

Durch diese Kombinationsvielfalt wird deutlich, dass ein Tarifvergleich sehr herausfordernd ist.

„Spartarife“ mit sehr günstigen Beiträgen sind zwar billiger, bieten aber deutlich weniger Leistung. Teilweise sogar weniger als der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung, z.B. keine ambulante Psychotherapie oder andere, aus unserer Sicht wichtige Leistungen.

Wesentliche Prüfpunkte für Ambulante Leistungen

Primärarztprinzip oder freie Arztwahl
In vielen günstigen PKV-Tarifen gilt häufig das Primärarztprinzip: Der Versicherte muss bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Augenarzt, Zahnarzt, Gynäkologe) den Hausarzt entscheiden lassen, ob eine Überweisung zum Facharzt notwendig ist bzw. benötigt von diesem eine Überweisung zum Facharzt. Beim direkten Besuch eines Facharztes ohne Überweisung drohen ansonsten deutliche Kürzungen bei der Kostenerstattung als Sanktion. Wer diese Einschränkung nicht hinnehmen möchte, sollte sich für einen Tarif mit freier Arztwahl entscheiden.

Ambulante Psychotherapie
Auch ambulante Psychotherapie ist je nach Tarif oft auf nur 10 bis 20 Sitzungen pro Jahr begrenzt oder sogar ausgeschlossen. Soll die Behandlung auch durch nichtärztliche Psychotherapeuten erfolgen dürfen, muss dies in den Tarifbedingungen ausdrücklich vereinbart sein.

Heilpraktikerleistungen
Nicht alle Verträge sehen außerdem die Kostenübernahme für Heilpraktikerleistungen vor.

Stationäre Versorgung, was zu beachten ist

Chefarztbehandlung und Unterbringung im Krankenhaus
Versicherbar sind verschiedene Leistungsextras, wie Chefarztbehandlung, Unterbringung im Ein- oder Zweibettzimmer anstatt Mehrbettzimmer, erhöhte Erstattung von Arzthonoraren und mehr.

Die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) sieht für jede medizinische Leistung eine Gebühr vor. Auch der Chefarzt muss seine Leistungen nach der GOÄ berechnen. Er darf bis zum Höchstsatz (3,5-fach) abrechnen. In Abhängigkeit von der Behandlung und des Zeitaufwands, sind jedoch auch darüber hinausgehende Steigerungssätze (5-fach oder mehr) möglich. Prüfen Sie, was für Ihr Tarifangebot gilt.

Zahnbehandlung und Zahnersatz: Wie hoch soll die Erstattung sein?

Prozentuale Erstattung
Hochwertiger und optisch ansprechender Zahnersatz kann sehr teuer werden. Die Höhe des Beitrages hängt hauptsächlich von der prozentuellen Erstattung für die zahnmedizinischen Leistungen, insb. dem Zahnersatz ab. 75%, 85% oder sogar bis zu 100% sind üblich für die Erstattung.

Zahnstaffeln
Beachten Sie auch die tariflich vorgesehenen Zahnstaffeln. In den ersten (in der Regel 5) Versicherungsjahren werden Rechnungsbeträge nur bis zu tariflich definierten Höchstgrenzen anerkannt (Zahnstaffel).

Beispiel für eine Zahnstaffel:

  • Erstattung im 1. Jahr: bis 1.200 EUR
  • Erstattung in den ersten 2 Jahren: bis 2.500 EUR
  • Erstattung in den ersten 3 Jahren: bis 3.800 EUR
  • Erstattung in den ersten 4 Jahren: bis 5.100 EUR
  • Erstattung in den ersten 5 Jahren: bis 6.400 EUR

Danach, sowie bei unfallbedingter zahnärztlicher Behandlung, entfällt in der Regel die Staffelung.

Wer ausreichend abgesichert sein will, sollte bei der Auswahl seines PKV-Tarifs auf hohe Erstattungssätze insbesondere für Kronen, Brücken, Inlays und Implantate sowie die Gestaltung der Zahnstaffel achten.

Auslandsaufenthalt, Geltungsbereich und Dauer beachten

Klären Sie, ob Ihr Versicherungsschutz weltweit oder nur europaweit gültig ist. Für welche Dauer gilt der Versicherungsschutz, z.B. 4 Wochen oder 6 Monate? Prüfen Sie, ob auch im Leistungsfall ein Rücktransport inkludiert ist.

Beitrag senken durch Selbstbehalt?

Wer sich in der Privaten Krankenversicherung für einen Selbstbehalt entscheidet, zahlt weniger Beitrag, dafür übernimmt er jährlich einen Anteil der Krankheitskosten aus der eigenen Tasche. Das lohnt sich vor allem für jüngere und gesunde Versicherte, die kaum ärztliche Leistungen in Anspruch nehmen.

Will man den Selbstbehalt später reduzieren, wertet der Versicherer dies als Leistungserhöhung und verlangt hierfür eine erneute Gesundheitsprüfung - erscheint ihm das Risiko zu hoch, kann er ablehnen. Daher sollte der Selbstbehalt bei Vertragsabschluss nicht zu hoch gewählt werden.

Beitragsentlastung im Alter (BEA) zusätzlich abschließen, der Arbeitgeber zahlt bis zu 50% des Beitrags

Der Beitragsentlastungstarif im Alter (BEA) ist ein freiwilliger Tarifbaustein zur Privaten Krankenversicherung, mit dem privat Krankenversicherte gegen hohe Beiträge im Alter finanziell vorsorgen können. Der Tarif verlangt keine Gesundheitsprüfung. Die Funktionsweise ist bei allen privaten Krankenversicherern gleich. Während des aktiven Arbeitslebens schließt man freiwillig einen Tarifbaustein für die Beitragsentlastung im Alter ab (z.B. eine Entlastung von 200.- EUR monatlich im Ruhestand), mit denen der PKV-Beitrag später, in der Regel mit Alter 65 oder 67, um den vereinbarten Betrag reduziert wird. Dadurch bleibt die private Krankenversicherung auch im Alter besser bezahlbar.

Genau wie an den Beiträgen seiner Mitarbeiter zur gesetzlichen Krankenversicherung, beteiligt sich der Arbeitgeber auch an PKV-Beiträgen mit 50%, das gilt auch für Beitragsentlastungstarife. Der Höchstbetrag für den Zuschuss zur privaten Krankenversicherung durch den Arbeitgeber beträgt im Jahr 2019 monatlich 351,66 Euro. Diese hohe Grenze wird aber auch nach Abschluss eines zusätzlichen Entlastungsbausteins selten erreicht, der Arbeitgeber finanziert dann praktisch auch die Hälfte der zukünftigen Beitragsentlastung seines Arbeitnehmers.

Beispiel:

  • Der 35-jährige Angestellte Stefan K. ist privat krankenversichert. Seine private Krankenversicherung kostet zurzeit 500.- EUR im Monat, davon übernimmt der Arbeitgeber 50%
  • Um sich günstige Beiträge im Ruhestand zu sichern, ergänzt Stefan K. seine Private Krankenversicherung um einen Beitragsentlastungsbaustein (200.- EUR Entlastung monatlich ab Alter 67), für den er monatlich 50.- EUR zahlt
  • Für den bis zum 67. Lebensjahr zu zahlenden Beitrag von 50.- EUR monatlich wird der Krankenversicherer ihm ab Alter 67 eine monatliche Beitragsentlastung von 200.- EUR gewähren
  • Der Vorteil: Die Kosten des Beitragsentlastungstarifs trägt Stefan K. selbst nur zur Hälfte (also 25.- EUR), die andere Hälfte übernimmt der Arbeitgeber, weil auch durch den Arbeitgeberzuschuss von 250.- EUR der Höchstbetrag noch nicht ausgeschöpft ist

Darüber hinaus sind die Beiträge für den Beitragsentlastungstarif steuerlich absetzbar.

Auch Selbständige und Freiberufler, die keinen Arbeitgeberzuschuss erhalten, sollten prüfen, ob sich ein Abschluss rentiert.

Beitragsanpassungen (BAP) der letzten Jahre berücksichtigen

Berücksichtigen Sie bei der Auswahl des privaten Krankenversicherers auch wie viele Beitragsanpassungen (BAP) es in den letzten Jahren für welche Tarife gab und in welcher Höhe diese ausgefallen sind.

Wählen Sie einen soliden Versicherer mit vergleichsweise stabilem Beitrag.

Risikovoranfrage vor Antragstellung durchführen

Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Ihre Vorerkrankungen zu einer Ablehnung des Antrages, zu einem Risikozuschlag oder Leistungsausschluss führen könnten, sollten Sie vor der Antragsstellung eine Risikovoranfrage mit Ihrem Versicherungsexperten bei einem oder mehreren Krankenversicherern anonym unter Angabe Ihres Gesundheitszustandes stellen. Die Risikovoranfrage ist eine Art anonymer Probeantrag. So wissen Sie anschließend konkret, ob einer der privaten Krankenversicherer Ihren Antrag annimmt und wenn ja, zu welchen Konditionen, d.h. mit oder ohne Risikozuschlägen bzw. mit oder ohne Leistungsausschlüssen.

Des Weiteren hat dies den Vorteil, dass Sie trotz der Ablehnung einer oder mehrerer Krankenversicherer noch einen Vertrag bei einem anderen Versicherer bekommen können.

Gesundheitsfragen wahrheitsgemäß beantworten

Gesundheitsfragen sollten Sie immer wahrheitsgemäß und vollständig beantworten. 

Bei grob fahrlässiger oder vorsätzlicher Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht kann der Versicherer vom Vertrag zurücktreten bzw. diesen bei arglistiger Täuschung anfechten.

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